Paolo Lantieri

KRITISCHE TEXT

 

 DIE FRAUEN UND DIE MUSIKANTEN
 Von Pierfrancesco Listri


Die Malerei von Paolo Lantieri verleitet den fl¨chtigen Betrachter der
Bilder zu zwei nicht ganz ungerechtfertigten un voreiligen Fehlern: Erstens ein einfacher Maler zu sein und zweitens der ErzÓhler der weiblichen Erotik.
Man muss sich davor jedoch tunlichst h¨ten und sich vielmehr von den
Farben
seiner Palette leiten lassen. Zu Beginn muss gesagt werden, dass nur
wenige
K¨nstler ein so stark verinnerlichtes italienisches Wesen haben, was
Himmel
und Farben betrifft: Dieses reicht von der Geburtsstadt Messina und
ihrer
gelissenden Sonne am sizilianischen Himmel ¨ber die mitteleuropÓischen
Mediationen des Studiums in Brera bis hin zur definitiven Wahl von
Florenz-
einer Stadt mit zu vielen Jahrhunderten an fig¨rlicher Malerei, die
nicht
umhin kann, einem K¨nstler von solchem Talent Geleit zu geben. Von
Sizilie
n ( ja, sogar das von Guttuso) hat dieser Maler gewordene Architekt die
magische Mischung von aufeinanderprallenden triumphierenden Farben und
geometrischer Eckigkeit der weichen Formen ¨bernommen. Von Mailand
scheint
Lantieri jene am¨siert Melange zwischen linienf˛rmiger Tiefe, die die
am¨sierte Szene europÓischer Plakatmalerei auf hohem Niveau wird,
eingebracht zu haben. Und von Florenz schliesslich ist es die fig¨rliche
Schaffung, und der ihm eigene erzÓhlerische Schwung in den hundert
Stellungen eines Alltags, der fast der ErzÓhlkunst Moravias gleichkommt.
Lantieri malt fast ausschliesslich Frauen und Musikanten. Letztere
haben die
windige und polychrome Anmut supermoderner Harlekine. Die Frauen hingegen bed¨rfen einer etwas gr¨ndlicheren Er˛rterung. Jede Stellung dieser Frauen ist eine offene Anspielung auf die reichliche und ¨berfliessende Anmut einer entdeckten Sinnlichkeit, die allerdings sofort und gleichzeitig durch Ironie und eine grossstÓdttische AlltÓglichkeit korrigiert wird. Kurz gesagt haben seine Frauen nicht den Zynismus der korpulenten Frauen Boteros, sie neigen vielmehr dazu, den Triumph des Fleisches in eine zerbrechliche Verzauberung von Unschuld zu verwandeln. Die mehr als gewagten Stellungen der Frauen Lantieris sind die extreme Verteidigung einer Weiblichkeit, die der K¨nstler geradezu von der LÓcherlichkeit der aktuellen Kommerzialisierung des Weiblichen reinigt. Die Schnelligkeit der Pinself¨hrung, die untereinander wetteifernden lebhaften Farben, die f¨r ihn typischen Zeichen (die HÓnde, die Augen, die Dekolletees), der schnelle Wechsel des Kontextes (einmal das Meer, einmal die Stadt), die beharrliche Erschaffung von Figurenpaaren schaffen ein frauenÓhnliches Theater, das lebhaft und sogar spielerisch ist aber nicht von einem zweideutigen Erstaunen ¨ber grossz¨gige und unschuldige Nymphen des 3. Jahrtausends befreit. Wer die wundersch˛nen Aktzeichnungen und Skizzen von Lantieri sieht, wird dort nicht die dynamische Ironie finden, die seinen Bildern zu Eigen ist (fast als Wiedervergentung der vorherrschenden Mode weiblicher Magerkeit), vielmehr eine reiche Eleganz der Skizze, eine sichere Linienf¨hrung, die auf ein Aussch˛pfen aus einer grossen und assimilierten Tradition hinweist. Die Sinnlichkeit ist f¨r Lantieri allenfalls die beunruhigte Metapher der Stellung der Frau heutzutage, die nicht auf die Verlockung einer vollen Anmut verzichtet,
ohne
sie in seinen Bildern zu einer Modepuppe zu degradieren.

IL GIORNALE DELLA TOSCANA Mittwoch, 23. MÓrz 2005

                   

e-mail   lantieripaolo@yahoo.it

     
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